Lyme-Borreliose
Verursacher der (Lyme-) Borreliose ist das durch Zeckenbiss übertragene Bakterium Borrelia burgdorferi. Beschrieben wurde die Erkrankung erstmals in den Siebzigerjahren in der Kleinstadt Lyme im US-Bundesstaat Connecticut, woher die Bezeichnung der Erkrankung rührt. Als erstes und charakteristisches Zeichen der Infektion tritt an der Haut häufig ein Erythema (chronicum) migrans (Wanderröte) auf. Im Verlauf von Wochen bis Jahren können die Bakterien verschiedene Organe wie Haut, Gelenke, Nervensystem, Augen oder Herz befallen und zu unterschiedlichen Beschwerdebildern führen.
Die im Unterholz der Wälder, in Sträuchern und hohen Gräsern heimischen Zecken können mit ihrem Speichel nicht nur eine Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) oder Ehrlichiose übertragen, sondern auch eine Borreliose. Allerdings ist nur ein Teil der Zecken mit Borrelien infiziert, sodass nicht jeder Zeckenbiss eine Borreliose verursacht.
Verbreitungsgebiete der Zecken und damit der Lyme-Borreliose sind in Europa vor allem Österreich, Deutschland, Slowenien und Skandinavien.
Ursache: Wie kommt es zur Infektion mit Borrelien?
Auslöser der Erkrankung sind Borrelien (1907 benannt nach dem Straßburger Bakteriologen Amedée Borrel), wobei die Lyme-Borreliose in Europa meistens von anderen Borrelien als in den USA verursacht wird, was auch zu unterschiedlichen Ausprägungen der Symptomatik führt.
Es gibt verschiedene Typen von Borrelia burgdorferi (1981 benannt nach dem Schweizer Wilhelm Burgdorfer, der das Bakterium in Zecken entdeckte). In den USA wird die Lyme-Borreliose fast nur durch Borrelia burgdorferi "sensu stricto" ("im engeren Sinn")verursacht, in Europa auch durch Borrelia afzelii und Borrelia garinii. Der Oberbegriff für alle drei Typen ist Borrelia burgdorferi "sensu lato" ("im weiteren Sinn").
Überträger dieser Borrelien ist in unseren Breiten eine Zeckenart namens Holzbock (Ixodes ricinus). Auch wenn eine Zecke mit Borrelien infiziert ist, muss das nicht unbedingt zu einer Borreliose führen, da im besten Fall das menschliche Immunsystem die Bakterien vernichtet. Infektionen finden vor allem vom Frühjahr bis Herbst statt, wenn die Zecken - die zu ihrer Vermehrung eine Mindesttemperatur von plus acht Grad Celsius benötigen - aktiv sind.
Symptome: Wie macht sich eine Infektion bemerkbar?
Borrelien rufen eine breite Palette an Erscheinungsbildern hervor, da verschiedene Organe von der Infektion betroffen sein können („Multisystemerkrankung"). Zu unterscheiden sind Frühsymptome, die Tage bis Wochen nach der Infektion auftreten, von Spätsymptomen, die sich erst nach Monaten bis Jahren bemerkbar machen. Allerdings müssen den Spätsymptomen nicht immer Frühsymptome vorausgehen. Die Erkrankung verläuft in drei Stadien.
Stadium 1
Erstes und typisches Zeichen einer Borreliose ist in vielen Fällen eine charakteristische flächenhafte, randbetonte Hautrötung um die Stichstelle, die sich zunächst kreisförmig ausbreitet, weshalb sie als Wanderröte oder Erythema (chronicum) migrans bezeichnet wird. Die Wanderröte tritt innerhalb von Tagen nach dem Zeckenstich auf und verschwindet innerhalb einiger Wochen wieder.
Seltener entwickeln sich knotige oder flächenhafte, bläulich verfärbte und verhärtete Hautareale (Lymphozytom).
Begleitend kann es zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Kopf- Gelenk- und Muskelschmerzen, erhöhter Temperatur, Bindehautentzündung oder auch zu Lymphknotenschwellungen kommen.
Stadium 2
Bleibt das Frühstadium unbehandelt, können sich die Bakterien im Organismus ausbreiten (Generalisation) und nach Monaten grippeähnliche Beschwerden, Gelenkschmerzen oder eine sogenannte Neuroborreliose (Befall des Nervensystems) einstellen, die sich häufig in einer Fazialisparese (Gesichtsnervenlähmung) bzw. einer Hirnhaut- und Nervenwurzelentzündung (Meningopolyneuritis, Bujadoux-Bannwarth-Syndrom) mit Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel, Benommenheit, , Krampfanfällen oder schlaffen Lähmungen äußert. Auch eine Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder Perikarditis (Herzbeutelentzündung) kann auftreten und Herzrhythmusstörungen auslösen. Manchmal kommt es zu Augenentzündungen.
Selten ist eine sogenannte Lymphadenosis cutis benigna Bäfverstedt zu finden, mit Schwellungen der Haut und mehrere Zentimeter großen, rot-bläulichen Flecken, vor allem an den Ohrläppchen, Brustwarzen und am Hodensack.
Stadium 3
Monate bis Jahre nach der Infektion können Spätsymptome auftreten. Dazu zählt die schubweise oder chronisch verlaufende Lyme-Arthritis (Gelenkentzündung), die entweder nur ein Gelenk (Monarthritis) - meist das Knie- oder Sprunggelenk - oder auch mehrere Gelenke (Oligoarthritis) betrifft und schmerzhafte Schwellungen verursacht. Muskeln und Augen können befallen sein, chronische Entzündungen des Gehirns und Rückenmarks, Nervenschmerzen und Lähmungen auftreten.
Gelegentlich zeigt sich - bevorzugt an der Streckseite der Arme und Beine - eine charakteristische, entzündliche Hauterkrankung, die Acrodermatitis chronica atrophicans Herxheimer mit Schwellung, rötlich-violetter Verfärbung, Schwund des Unterhautfettgewebes und zigarettenpapierartiger Hautfältelung. Durch die dünne Haut schimmern bläulich die Blutgefäße.
Nicht alle Symptome sind bei jedem Infizierten vorhanden. Sie kommen isoliert oder in unterschiedlichen Kombinationen vor. Auch nicht jedes Stadium tritt zwingend bei jedem Borreliosefall auf.
Diagnose: Woran wird eine Borreliose erkannt?
Zeckenstiche sind kaum spürbar und Zecken fallen von selbst wieder ab, wenn sie genug Blut gesaugt haben. Ein Zeckenbefall sollte daher unbedingt - auch wenn er lange zurückliegt - in der Anamnese (ärztlich erhobene Erhebung von Vorerkrankungen, Beschwerden und deren möglichen Ursachen) angegeben werden.
Als sicheres Zeichen für eine Borreliose gilt das Erythema migrans, das aber nicht bei allen Infizierten auftritt.
Diese beiden Fakten haben zur Folge, dass viele Infizierte erst in einem späteren Borreliose-Stadium einen Arzt aufsuchen, z. B. wenn sie unter neurologischen oder Gelenkbeschwerden leiden.
Eine wichtige Säule in der Diagnostik der Borreliose ist der Nachweis spezifischer Antikörper im Blut. Allerdings weisen auch manche Infizierte ohne Beschwerden positive Antikörper-Bluttests auf. Bei einer Neuroborreliose werden die Antikörper im Liquor (Gehirnwasser), das per Lumbalpunktion („Kreuzstich") gewonnen wird, nachgewiesen.
Die Aussagekraft der Antikörperbestimmung hängt u. a. auch vom Zeitpunkt der Messung ab:
IgM-Antikörper werden drei Wochen nach dem Zeckenstich gebildet, können später verschwinden, aber auch jahrelang nachweisbar bleiben. Die sechs Wochen nach dem Stich erzeugten IgG-Antikörper bleiben meistens lebenslang als Beweis für den stattgefundenen Kontakt mit Borrelien bestehen (Quelle: B.Wilske et al., Lyme-Borreliose in: Qualitätsstandards in der mikrobiologisch-infektiologischen Diagnostik. Urban&Fischer Verlag, 2000). Da die Antikörperbestimmung bei Borreliose nicht unproblematisch ist, wird er zur besseren Sicherung der Diagnose in einem Zwei-Stufen-Verfahren durchgeführt (für IgM und IgG: Suchtest, bei unklarem Ergebnis auch Bestätigungstest).
Die Bakterien selbst sind mittels Kultur oder PCR (Polymerase-Chain-Reaction) in Körperflüssigkeiten direkt nachweisbar.
Wie sieht die Behandlung einer Borreliose aus?
Therapie der Wahl in jedem Stadium sind Antibiotika, die im Frühstadium der Infektion in Tablettenform bei Gehirn- und Gelenksbeteiligung meistens als Infusionen verabreicht werden. Sie bringen häufig sogar chronische Spätfolgen der Borreliose wie Lähmungen innerhalb von Wochen oder Monaten zum Verschwinden. Bei seit Jahren bestehenden neurologischen Ausfällen ist die Antibiotikatherapie nicht immer so erfolgreich und die Infektion hinterlässt Dauerschäden. Außerdem können Borrelien im Körper verbleiben und nach wochen- oder monatelanger Beschwerdefreiheit erneut zu Krankheitssymptomen führen. Das macht eine Wiederholung der Antibiotikakur erforderlich. Wird eine Borreliose rechtzeitig, richtig und ausreichend lange behandelt, heilt sie in der Regel folgenlos aus.
Liegt lediglich ein positiver Antikörpertest vor, ohne dass Beschwerden auftreten, bedarf es keiner Behandlung. Auch eine vorsorgliche Antibiotikagabe nach Zeckenstichen wird nicht empfohlen.
Wie kann man einer Infektion mit Borrelien vorbeugen?
Da Zecken die Borreliose übertragen, ist deren Vermeidung die wichtigste Schutzmaßnahme. Besonders gefährdet für eine Infektion sind Menschen, die sich viel in der Natur aufhalten wie Landwirte, Forstarbeiter, Sportler (z. B. Radfahrer) etc. Lange Hosen und langärmlige Oberteile sowie Insektenschutzmittel für die Haut halten Zecken fern.
Wichtig ist es, nach jedem Aufenthalt im Freien den Körper gründlich (auch die behaarte Kopfhaut!) nach Zecken abzusuchen und wenn welche gefunden werden, diese unverzüglich zu entfernen, denn umso länger eine Zecke an der Haut hängt, umso mehr Gelegenheit hat sie, Krankheitserreger zu übertragen. Das Entfernen geschieht am besten mit einer Zeckenzange oder Pinzette und zwar ohne die Zecke zu quetschen, weil diese sonst ihren womöglich infektiösen Inhalt in die Stichwunde entleert. Aus demselben Grund sind „Hausmittel" wie Öl auf die Zecke träufeln verpönt.
Autorin: Dr. Gabriela Gerstweiler, 2010





