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Wenn die Seele Platz braucht – Übergewicht beginnt im Kopf

Adipositas 2 bilderbox.comKrankenkassen und Volkswirte rechnen uns vor, wie tief wir für jeden "Dicken" in die Tasche greifen müssen. Medien dokumentieren die Folgen von maßlosem Essen und Ärzte schlagen Alarm angesichts der epidemiologischen Ausbreitung der Fettsucht.

Statistisch gesehen sterben Übergewichtige vorwiegend an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Statistisch gesehen sind die Ursachen falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und genetische Faktoren. Statistisch gesehen nimmt die Fettleibigkeit weltweit bedenkliche Ausmaße an.

Was aber steckt hinter diesen Fakten? Wie kann es dazu kommen, dass Menschen die Warnzeichen ihres Körpers übersehen und schließlich von den Folgen überrollt werden? Der Ort dieses Kampfes kann unmöglich nur die körperliche Ebene sein. Ginge es nur um die Reduktion von Nahrung und um mehr Bewegung im Alltag, müsste sich keiner mehr mit überflüssigen Kilos plagen. Innerhalb weniger Monate würden Fettpolster schmelzen.

Dass es nicht so einfach geht, kann jeder Übergewichtige bestätigen, der abnehmen wollte. Dabei wäre es rein physiologisch überhaupt kein Problem, Übergewicht durch regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung in den Griff zu bekommen. Da nun aber der Körper viel mehr ist als die Summe von Muskeln, Nerven und Knochen, ist die Sache mit dem Abnehmen nicht so einfach. Die Seele hat auch ein Wörtchen mitzureden. Kummerspeck und Kalorien sind oft nichts anderes als ein körpereigenes Schutzschild und Ersatz unbefriedigter Wünsche.

Selbst dort, wo augenscheinlich nur körperliche Ursachen festgestellt wurden, macht es Sinn, die seelischen Aspekte zu hinterfragen: Warum leide gerade ich unter Schilddrüsenunterfunktion? Warum ist mein Hormonspiegel derart aus dem Gleichgewicht? Was belastet mich?

Körper und Geist sind eine untrennbare Einheit. Jeder kennt die Wechselwirkung: Fühlen wir uns attraktiv, sind wir guter Laune. Sind wir dagegen weniger überzeugt von unserem guten Aussehen, wirken wir unsicher. Umgekehrt wirkt unser Geist auf den Körper: Sind wir bedrückt, lassen wir die Schultern hängen und gehen langsamer. Sind wir glücklich, wird unser Gang schneller und wir "wachsen" dadurch, dass wir den Körper aufrichten.

Gesunder Körper - gesunder Geist

Was ist aber, wenn der Körper krank ist? "Fettkrank" etwa. Das Österreichische Lipidforum spricht von 40.000 Menschen, die jährlich in Österreich an den Folgen von Übergewicht sterben. Insgesamt leiden etwa 50 Prozent der ÖsterreicherInnen an Übergewicht oder Fettsucht.

Ob jemand nun "übergewichtig" oder "fettleibig" ist, verrät der Body Mass Index (BMI). Dabei wird das Körpergewicht durch das Quadrat der Körpergröße in Metern dividiert. Wird ein Wert von 25 bis 29,9 erreicht, heißt das: Übergewicht. Bei einem BMI über 30 gilt der Betroffene als fettleibig.

Übergewicht in all seinen Varianten kann Auslöser für eine lange Reihe von Erkrankungen sein: Schlaganfall, Herzinfarkt, Gicht, Diabetes Typ II, Arterienverkalkung, erhöhte Blutfette, Gallensteine, Kropfbildung, Beinvenen-Thrombose und Gelenkschäden an Wirbelsäule, Knie und Hüfte.

Der alleinige Einsatz von Diäten und Medikamenten greift bei Übergewicht selten langfristig. Die Schulmedizin und die Patienten geben sich aus Bequemlichkeit häufig mit dem Behandeln der Symptome zufrieden, statt die wahren Ursachen zu bekämpfen. Denn diese "Wurzelbehandlungen" sind zeitintensiv und verlangen den Betroffenen und auch deren Angehörigen viel Energie ab. Ist das Ziel aber letztlich erreicht, das Problem gepackt und gelöst, schlagen auch Diäten besser an. Die Betroffenen haben dann gelernt, Probleme nicht mehr zu kompensieren, sondern sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Ein Beispiel für Übergewicht durch Kompensation ist etwa der Raucher, dem die Zigarette einzig zur Befriedigung der oralen Lust dient. Hört er eines Tages mit dem Rauchen auf, ist der Griff zur Schokolade vermutlich nur eine Frage der Zeit. Schließlich muss der orale Trieb irgendwie befriedigt werden. Auf diese Weise löst das Essen nur das Rauchen ab. Das Problem hinter dem unbefriedigten oralen Trieb bleibt unberührt.

Die "fröhlichen Dicken"

Es gibt sie: Die Übergewichtigen, die wirklich mit sich zufrieden sind. Diejenigen, bei denen die Leibesfülle ein positives Spiegelbild der Seele ist. Frauen etwa, die ihre Weiblichkeit voll ausleben und das auch durch runde Hüften zeigen möchten.

Erst wenn aus dem Übergewicht Leid entsteht, wenn Essen nicht mehr Genuss, sondern vielmehr Flucht darstellt, ist etwas aus der Bahn geraten.

Die Seele "baut" sich ihren Körper

Psychische Ursachen gibt es in großer Zahl. Wenn die Seele es etwa nicht schafft, sich zu behaupten und der Mensch nicht fähig ist, seine Stimme zu erheben, muss sich der Körper bemerkbar machen. Er nimmt den Platz ein, den die Seele beanspruchen sollte, und drückt durch seine Masse den Wunsch nach Größe und Stärke aus.

Sehr häufig tritt das Essen an die Stelle des Seelentrösters. Geringes Selbstbewusstsein und darauf folgende Rückschläge führen in einen Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist. Den Problemen im Alltag folgen Angst und Stress. Essen soll Abhilfe schaffen, soll Genuss und Erleichterung bringen. Nach einiger Zeit bekommt das Essen eine gewisse Eigendynamik. Auf jeden Rückschlag folgt der Versuch, ihn mit Nahrung wett zu machen. Die Körpermasse nimmt zu, die Probleme ebenso. Mit dem Gewicht steigt auch die Abneigung gegen den eigenen Körper. Der Frust wird stärker, kompensiert wird wieder durch Essen.

Wo nun der Kreislauf beginnt, beim geringen Selbstwertgefühl oder beim Übergewicht, bleibt ungeklärt. Und im Grunde ist diese Frage auch nicht so wichtig wie die folgende:

Wie gehe ich mit meinem Problem um?

Übergewicht kann unterschiedlich gedeutet werden und vermutlich findet jeder einige Dinge an sich, die als Auslöser für die vielen Kilos gelten (können). Das Erkennen der Muster ist also der erste Schritt zum besseren Lebensgefühl. Aber gerade dieser Schritt ist nicht immer leicht. Jeder durchschaut alles besser, als sich selbst.

Umso wichtiger ist also der Austausch mit anderen: Freunde, Familienmitglieder oder "Leidensgenossen" in einer Selbsthilfegruppe erkennen Verhaltensmuster, die die Betroffenen nicht sehen. Erst, wenn die Probleme auf dem Tisch liegen und akzeptiert werden, kann der nächste Schritt folgen.

In vielen Fällen kommt es nach der großen Erkenntnis zum Verteilen der Schuld. Häufig wird die Verantwortung an die Eltern abgewälzt; schließlich haben sie die "Erziehungsfehler" gemacht. Nur: Durch das Abschieben der Eigenverantwortung ändert sich das Problem nicht. Es wird lediglich verschoben; die Betroffenen meinen, für ihre Situation nicht verantwortlich zu sein. Das, was aber vorerst die Last von ihren Schultern nimmt, macht sich einige Zeit später erneut bemerkbar. Das Problem ist eben noch nicht "vom Tisch". Und mit dem Problem bleibt das Essen ständiger Begleiter.

Es ist gewiss nicht einfach, sich den Spiegel gnadenlos vor' s Gesicht zu halten und zu erkennen, was genau hinter der Fassade steckt. Es erfordert viel Kraft und Zeit, sich mit Problemen auseinander zu setzen; vor allem, wenn es die eigenen sind. Nichts ist aber unmöglich - denn: Wo ein Wille ist, dort kann der Weg nicht fern sein.

Lesen Sie mehr zum Thema in "Gewichtsprobleme" von Rüdiger Dahlke. 

Autorin: Bettina Benesch, Aktualisierung: Dr. Gabriela Gerstweiler

 

Artikel zu: Adipositas
08.03.10

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