Immer Ärger mit Aspartam
Der Süßstoff Aspartam ist 200mal süßer als Zucker und kommt in über 6.000 Produkten vor: In Limonaden, Kaugummis, Süßigkeiten, Joghurts oder Diabetiker-Lebensmitteln, in Vitaminpillen und zuckerfreien Halspastillen. Italienische Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Aspartam das Risiko für Lymphome, Leukämien und andere Tumore erhöhen kann. Allerdings ist es schwer, als Normalverbraucher die angegebene schädliche Dosis zu erreichen.
Weltweit essen 200 Millionen Menschen den synthetischen Süßstoff mit der E-Nummer 951. Zugelassen wurde Aspartam in Europa in den 1980er Jahren, nachdem Tierstudien der Hersteller keine negativen Wirkungen zeigten, wenn die akzeptable tägliche Aufnahmemenge (ADI-Wert) nicht überschritten wurde. Sie liegt in Europa bei 40 mg/kg. Dennoch wird seither heftig über Nutzen und Risiken von Aspartam diskutiert; auch die Entstehung von Multipler Sklerose wurde dem Süßstoff angelastet. Wissenschaftlich nachgewiesen wurde ein solcher Zusammenhang allerdings nicht.
Vergangenen Juli hat das Team um Morando Soffritti vom Cesare Maltoni Cancer Research Center in Bologna die Ergebnisse ihrer Tierstudie präsentiert; veröffentlicht wurden sie nun auch im Magazin Environmental Health Perspectives (EHP). Die Forscher fütterten 1.500 Ratten täglich mit Aspartam in Dosen zwischen 4 mg und 5.000 mg pro kg Körpergewicht. Als Kontrollgruppe dienten 300 Tiere; sie erhielten kein Aspartam. Die Studie startete in der achten Lebenswoche der Ratten und endete mit dem Tod des letzten Tieres nach 159 Wochen. Danach wurden die Nager untersucht - ein wichtiger Unterschied zu den Studien, die Jahrzehnte zuvor durchgeführt wurden, schreiben die Forscher: Damals seien die Tiere über einen kurzen Zeitraum hohen Dosen ausgesetzt worden.
Die Ratten aus der Aspartam-Gruppe zeigten "beträchtliche Hinweise auf bösartige Karzinome einschließlich Lymphome, Leukämien und Tumoren in verschiedenen Organen", so die Forscher. Dafür verantwortlich gemacht wird eine Substanz, die beim Abbau von Aspartam entsteht: Methanol, das auch im menschlichen Körper zu Formaldehyd abgebaut wird.
"Unsere Studie hat gezeigt, das Aspartam ein multipotentes karzinogenes Gemisch ist, dessen krebserregende Effekte auch bei einer täglichen Dosis von 20 mg/kg Körpergewicht evident sind; das ist weniger als die derzeit akzeptable tägliche Aufnahmemenge für Menschen", schreiben die Autoren und sind der Meinung, dass frühere Studien nicht den heutigen Mindestanforderungen entsprechen, um das krebserregende Potenzial von Substanzen einschätzen zu können. Sie hätten beispielsweise zu wenig Tiere eingeschlossen und sie über einen kürzeren Zeitraum beobachtetet.
ADI-Wert bleibt unerreicht
Trotz der alarmierenden Ergebnisse bleibt die Frage: Wie relevant ist die Studie für die Konsumenten? Wie viel Aspartam essen wir tatsächlich?
"Der in der Studie als evident angesprochene Wert von 20 mg Aspartam / kg KG / Tag entspricht einer täglichen Aufnahme von 1,4 g Aspartam eines Erwachsenen (70 Kilo Körpergewicht) und ist hinsichtlich der Süßkraft einer Menge von 280 g Zucker äquivalent", erklärt Ao. Univ. Prof. Dr. Gerhard Kroyer, Universitätsdozent am Institut für Verfahrenstechnik, Umwelttechnik und Technische Biowissenschaften der TU Wien. Bei normalem Konsumverhalten werde dieser Wert in der Praxis bei weitem nicht erreicht, so der Lebensmitteltechniker.
Aus verschiedenen Studien geht laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit hervor, dass der durchschnittliche Konsum von Aspartam bei Erwachsenen zwischen 2,4 und 3,4 mg/kg Körpergewicht und Tag liegt. So genannte "High Consumer", Diabetiker beispielsweise, kommen auf 2,8 bis 10,1 mg. Um den ADI-Wert zu erreichen, müsste ein Erwachsener jeden Tag 14 Dosen eines zuckerfreien Getränks trinken, das Aspartam in maximalen Dosen enthalte, so die EFSA und fügt an, dass Aspartam in der Praxis häufig in Kombination mit anderen Süßstoffen zugesetzt wird, das Maximum bleibt demnach also unerreicht.
Derzeit wartet die EFSA laut eigenen Angaben auf die grundlegenden Daten der italienischen Studie, um Aspartam eventuell neu zu bewerten. Haben die Forscher die Unterlagen geliefert, wird es weitere drei bis fünf Monate dauern, bis die EFSA zu einem Schluss gekommen ist. "Man sollte die Entscheidung der EFSA abwarten", sagt Gerhard Kroyer. Allenfalls könnten Konsumenten mit extrem hohem Aspartam-Konsum die tägliche Aufnahme reduzieren. Die EFSA empfiehlt Konsumenten derzeit nicht, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern.
Der vollständige Bericht der italienischen Forscher kann kostenlos unter http://ehp.niehs.nih.gov/members/2005/8711/8711.pdf abgerufen werden.
Über Aspartam
Der synthetische Süßstoff Aspartam (E 951) wird nicht nur in Light-Produkten verarbeitet, sondern auch in Diabetiker-Produkten, da er den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst. Der Süßstoff zerfällt im Körper in Phenylalanin, geringe Mengen Methanol und Asparaginsäure. Phenlyalanin ist eine essentielle Aminosäure, die von Menschen mit einer seltenen angeborenen Stoffwechselerkrankung, der Phenylketonurie, nicht eingenommen werden darf. Werden Kinder mit Phenylketonurie nicht behandelt, entstehen schwere geistige Defekte, epileptische Anfälle, Pigmentstörungen der Haut oder ekzemähnliche Hautveränderungen. Lebensmittel die Aspartam enthalten, müssen daher den Hinweis "enthält eine Phenylalaninquelle" tragen.
Autorin: Bettina Benesch, Aktualisierung: Dr. Gabriela Gerstweiler





